Es hätte ein Blutbad geben können

Montagsdemonstration in Leipzig 1989

Es hätte ein Blutbad geben können

„Es ist genau ein Monat vor dem Mauerfall, der 9. Oktober 1989. Ich stehe auf dem Augustusplatz. Ich bin 17 Jahre alt. Menschen versammeln sich um mich herum. In der Nikolaikirche, gleich um die Ecke, geht gerade das Friedensgebet zu Ende. Immer mehr Menschen strömen um mich herum auf den Platz. Tausende, dann Zehntausende. Als hätten die Leute gewusst, dass es die alles entscheidende Montagsdemo sein wird. 70.000 Menschen stehen um mich herum, zwischen Oper und Gewandhaus und überall sonst. Aber: Es ist still. Ich sehe keine Transparente und ich höre keine Parolen. Richtung Hauptbahnhof sind die Straßen voll mit Bereitschaftspolizei und Kampfgruppen. Jeder ist angespannt. Ich denke an Gerüchte, die ich gehört habe: Dass sie in den Leipziger Krankenhäusern die halbwegs Gesunden nach Hause geschickt haben, weil sie Betten für Verletzte nach Schießereien bräuchten. Dass sie zusätzliche Blutkonserven bestellt hätten. Dass es ein Blutbad geben könnte. Dafür bräuchte die Polizei, die in Sichtweite positioniert ist, nur einen einzigen Befehl. Niemand um mich herum weiß, was wirklich geschehen wird, wie der Abend ausgeht.

Dann sehe ich inmitten der 70.000 Gesichter meinen Vater, den Kabarettisten Bernd-Lutz Lange. Ein Zufall. Und was für einer. Er gehört zu den Leipziger Sechs, also jener Gruppe, die mit ihrem Aufruf zur Gewaltlosigkeit an diesem Tag eine zentrale Rolle spielt. Er erzählt mir, was sonst noch niemand weiß und was erst später über den Stadtfunk vermeldet wird: Dass die Polizei und die Kampfgruppen nicht eingreifen. Dass es keine Toten geben wird, kein Massaker. Dieser Tag, diese Montagsdemo, ist für mich viel wichtiger als der Mauerfall danach. Mein Leben nach dem Mauerfall hat sich fundamental verändert. Erst lebte ich in der Diktatur des Proletariats, und jetzt lebe ich hingegen – so komisch es klingen mag – in der Diktatur des Kapitals.“

Sascha Lange wurde 1971 geboren und lebt seitdem in Leipzig. Er ist gelernter Theatertischler, promovierter Historiker, Journalist und schreibt sowohl Romane als auch Sachbücher. Zusammen mit Dennis Burmeister veröffentlichte er 2013 das Buch „Monument“, die erste vollständige Werkschau zur Band Depeche Mode. Sein jüngster Roman „Das wird mein Jahr“ kam 2011 in den Handel.

Protokoll: Matthias Jügler

© www.deutschland.de

Es hätte ein Blutbad geben können

Volkspolizei