Mit Musik gemeinsam gegen die Mauer aus Angst

 "Mit Musik gemeinsam gegen die Mauer aus Angst"
"Herr Präsident, Ihr Volk stirbt!" oder "Meine Rede ist frei!" – so klang der Soundtrack zu den Umbrüchen in den arabischen Ländern. Innerhalb kürzester Zeit mobilisierten damals zahlreiche Protestsongs als Ventil für Wut, Frustration und Sehnsüchte die Jugend in der gesamten arabischen Region. Insbesondere für junge Frauen eröffneten sich künstlerische und politische Freiräume. Viele von ihnen streiten weiter für weibliche Selbstbestimmung und gegen frauenfeindliche gesellschaftliche Tabus. Eines ihrer einfachsten und einflussreichsten Mittel ist dabei die Musik.

"Durch meine Musik kann ich meinen Ängsten, Wünschen und Forderungen eine Stimme verleihen. Musik hat die Kraft, Menschen zu berühren und die bestehende Mauer aus Angst vor Zensur und Unterdrückung zu überwinden. Alle, die meine Musik hören, können von ihr vielleicht dazu ermutigt werden, selbst aktiv zu werden", erzählt Youssra El Hawary aus Kairo. Links finden Sie eine kurze Hörprobe ihrer Musik.

Im Oktober 2012 traf sie in Tunis auf sechs weitere junge Künstlerinnen aus Ägypten, Tunesien und Libyen, um sich künstlerisch mit "ihrem" Arabischen Frühling auseinanderzusetzen und dazu gemeinsam ein Album einzuspielen. Organisiert wurde der 10-tägige Workshop von der Berliner Nichtregierungsorganisation MICT (Media in Cooperation and Transition) und finanziert durch das Auswärtige Amt.Eine Plattform für den gegenseitigen Austausch

"Die Idee des Projektes war es, sich den Veränderungen der postrevolutionären Gesellschaften von einer wenig betrachteten Perspektive anzunähern und zwar in Form von Musikkultur und ihren weiblichen Trägerinnen", erklärt Jannis Stürtz, Projektleiter von MICT. "Diese Idee war eng mit dem Ziel verbunden, diesen Künstlerinnen eine Plattform zu bieten, sich über Ländergrenzen hinweg auszutauschen und zu vernetzen."

Bei dem Studioaufnahmen Bild vergrößern Bei dem Studioaufnahmen (© © Lindsay Mackenzie )

Die meisten Musikerinnen, mit denen dabei zusammengearbeitet wurde, sind zugleich Künstlerinnen und Aktivistinnen insbesondere für Frauenrechte. So zum Beispiel Nada, die zusammen mit anderen Aktivistinnen ein Radioprogramm in Bengasi betreibt, die tunesische Rapperin Medusa oder eben Youssra, die auch Teil des "Protestchors" in Kairo ist. Für alle ist Musik eine Möglichkeit, ihre Probleme und Wünsche zu bündeln und gleichzeitig die direkteste Art und Weise andere Menschen, vor allem andere Frauen, zu erreichen. So diskutierten die Musikerinnen während des Workshops über die politischen Entwicklungen in Tunesien oder Ägypten und die jüngsten Ereignisse in ihren Heimatstädten. Sie trauerten um die Toten der Revolution und der Unterdrückung und sie besangen den Wunsch nach Freiheit und den Kampf für Frauenrechte.

"Ich habe hier großartige Menschen getroffen: wunderbare Künstlerinnen und engagierte Frauen. Ich wünsche mir, dass wir den musikalischen und politischen Dialog über unsere Ländergrenzen hinaus weiterführen können," berichtet Youssra.

Das Ergebnis des Treffens sind mehr als zehn gemeinsam eingespielte Lieder, die bald als Album veröffentlicht werden. Als Produzenten waren Olof Dreijer von der bekannten schwedischen Band "The Knife" sowie der amerikanisch-sudanesischen Musiker "Oddisee" an der gemeinsamen Musikaufnahme beteiligt.Erste positive Impulse

Bei den Studioaufnahmen in Tunis Bild vergrößern Bei den Studioaufnahmen in Tunis (© © Lindsay Mackenzie ) Das Projekt bot den jungen Musikerinnen auch die Möglichkeit, ihre musikalische Karriere weiterzuentwickeln und einem größeren Publikum bekannt zu werden. Erste positive Impulse gab es: Kontakte zu Labels, Anbahnungen von Konzertauftritten sowie die Möglichkeit, bei einem Festival in Deutschland aufzutreten. Und auch für ihre Zuhörerinnen in Tunis, Tripolis oder Kairo hat sich bereits etwas geändert: Es gibt nun Frauen, die offen von ihren Sorgen und Wünschen berichten, sich Gehör verschaffen und sich selbstbewusst für ihre Belange einsetzen. Die Mauer der Angst beginnt langsam zu bröckeln.