25 Jahre deutsche Einheit

Logo aus Anlass des 25. Jahrestages der deutschen Einheit im Jahr 2015 Bild vergrößern 25 Jahre deutsche Einheit (© Deutsche Botschaft London) Das Zusammenwachsen von Ost und West haben die Menschen in Deutschland gemeinsam zu einer Erfolgsgeschichte gemacht

Jeder, der in Deutschland den Tag des Mauerfalls bewusst erlebt hat, weiß genau, wo er am 9. November 1989 war. Egal, ob im Westen oder im Osten, in der Bundesrepublik Deutschland oder in der DDR. Ein Tag für das kollektive Gedächtnis. Ein Tag der reinen Freude. Mit der Erinnerung an den 3. Oktober 1990, an dem Deutschland nach vier Jahrzehnten der Teilung wiedervereint wurde, ist das für viele nicht so leicht. Und doch ist dieser Tag vor 25 Jahren für die jüngere deutsche Geschichte mindestens so wichtig. Die Deutsche Einheit wurde an diesem 3. Oktober 1990 staatsrechtlich vollzogen – durch den Beitritt der fünf neuen Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen „zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland“. Die friedliche Revolution in der DDR und die Bereitschaft der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs machten die Deutsche Einheit möglich. Die Freiheit hatte gesiegt, die Demokratie gilt seitdem im ganzen Land, nicht nur im Westen. Die Bundesrepublik vergrößerte sich um ein knappes Drittel ihrer bisherigen Fläche und um etwa 16,5 Millionen Einwohner. Auch am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen ausgiebig: Politiker hielten Ansprachen und es gab ein großes Feuerwerk vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Eine Menschenmenge drängte sich von hier bis zum Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, jahrelang Symbol der Teilung, von jetzt an Symbol der Einheit.

In die Freude über die Wiedervereinigung mischte sich bei einigen aber schon damals Sorge um die Zukunft. Für viele der Menschen, die bisher in der Diktatur der DDR gelebt hatten und nur die sozialistische Planwirtschaft kannten, änderte sich das Leben rasant schnell und in fast allen Bereichen: Vieles im Alltag musste neu gelernt werden, die Arbeitswelt, die Schulformen, die Kinderbetreuung, der Umgang mit Behörden und Institutionen – die ganze Lebenswirklichkeit wandelte sich. Viele fingen von vorn an, wurden arbeitslos, mussten neue Berufe erlernen, sich ihr Leben wieder aufbauen. Alte Gewissheiten und Absicherungen galten nicht mehr, das Neue, die Freiheit, die vielen Möglichkeiten verunsicherten auch.

Viele Menschen hatten in den vorangegangenen Monaten schon ausgiebige Erkundungsfahrten in das jeweils „andere Deutschland“ unternommen. Viele DDR-Bürger standen damals ratlos vor der Vielfalt in den Supermärkten und Kaufhäusern der westdeutschen Städte. Und viele Westdeutsche wunderten sich über den alles überlagernden Geruch von Braunkohle im Osten, die hoppeligen, schma­len Straßen, die vielfach grandiosen, aber verfallenden Altbauten in den Städten, an deren Fassaden manchmal noch die Einschusslöcher aus Gefechten des Zweiten Weltkriegs zu sehen waren. Mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrages war das Land zwar formal vereinigt, doch die Lebensverhältnisse in beiden Teilen Deutschlands konnten unterschiedlicher kaum sein. Der „Aufbau Ost“ wurde zu einer gesamtdeutschen Aufgabe – und zu einem der wichtigsten innenpolitischen Ziele aller Bundesregierungen seit 1990.

„In Ost und West war der Wille da, zu sagen: Das muss eine Erfolgsgeschichte werden, damit wir gemeinsam eine gute Zukunft haben“, sagt Meinungsforscherin Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach. Der Bund investierte bis heute viele Milliarden Euro für das Zusammenwachsen von Ost und West: Von 1990 bis 1994 erhielten die neuen Länder 82 Milliarden Euro aus dem „Fonds Deutsche Einheit“; im Rahmen des „Solidarpakts I“ von 1995 bis 2004 flossen Gelder aus dem so genannten Länderfinanzausgleich – ein Verfahren, das den Ausgleich der unterschiedlichen Finanzkraft der Bundesländer regelt – und zusätzlich 20,6 Milliarden Euro im Jahr vom Bund. Von 2005 bis 2019 gilt nun der „Solidarpakt II“, für den insgesamt 156,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Und: Alle Steuern zahlenden Bürgerinnen und Bürger in Ost und West engagieren sich gemeinsam für den „Aufbau Ost“ – mit dem „Solidaritätszuschlag“, einer Ergänzungsabgabe von heute 5,5 Prozent des Steuerbetrags.

Deutsche Einheit Bild vergrößern (© dpa/picture-alliance-Sven Simon)

„Nicht gleiche, sondern gleichwertige Lebensbedingungen sind unser Ziel“, betont Bundeskanzlerin Angela Merkel, die selbst in der DDR aufgewachsen ist. „Und wir sind ihm inzwischen deutlich näher als noch vor zehn oder erst recht vor 20 Jahren.“ Auch wenn es natürlich nicht überall funkelt in Deutschland – weder in Ost noch in West –, was in dem Vierteljahrhundert seit dem ersten Tag der Deutschen Einheit geschafft wurde, kann sich sehen lassen. Im Wortsinn am offensichtlichsten in der Verkehrsinfrastruktur und in den Städten: 1900 Kilometer neu- oder ausgebaute Bundesautobahnen ziehen sich durch die neuen Länder, insgesamt wurden 17 Verkehrsgroßprojekte – neun Schienen- und sieben Autobahnvorhaben sowie eine Wasserstraße – angestoßen. Die Telekommunikation wurde auf den modernsten europäischen Stand gebracht. Die DDR hatte die historischen Innenstädte verkommen lassen, sich vor allem auf Plattenneubauten konzentriert. Heute ist der Verfall – auch dank viel privaten Engagements – aufgehalten, Wohnungen und Häuser wurden saniert und energetisch modernisiert. Dresden, Erfurt, Greifswald, Leipzig, Potsdam oder Weimar und viele andere ostdeutsche Städte beeindrucken daher wieder mit der historischen Bausubstanz ihrer Altstädte und ziehen Besucher aus aller Welt an.

 

Überhaupt der Tourismus: Der Fremdenverkehr in den neuen Ländern ist zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden: Mecklenburg-Vorpommern mit den Sandstränden und Kreidefelsen der Ostsee und den vielen großen und kleinen Seen zieht sogar mehr Sommerurlauber an als jedes andere Bundesland. Viele der historischen Kulturdenkmäler zwischen Ostsee und Erzgebirge stehen heute zudem als Welterbe unter dem Schutz der UNESCO. Der blühende Tourismus verdankt sich auch der ökologischen Runderneuerung im Osten: Umweltschutz war in der DDR kein Thema. Mit verheerenden Folgen: Die Luftverschmutzung war hoch, Flüsse und Seen waren durch Industrie und Landwirtschaft belastet. Die Luft- und Wasserqualität ließ sich durch Stilllegung veralteter Industrieanlagen und neue Klärwerke schnell deutlich verbessern. Viel Geld und Arbeit fließt bis heute zudem in die Sanierung der Braunkohlegebiete: In der Lausitz und in Mitteldeutschland entstanden weite Seenlandschaften und neue Gewerbegebiete. Der Strukturwandel und die Umweltschutzmaßnahmen haben im Übrigen auch neue Wege für die Wirtschaft eröffnet: Umwelttechnologien und erneuerbare Energien spielen in den neuen Ländern heute eine wichtige Rolle: Die „Cleantech-Initiative Ostdeutschland“ will das Potenzial Ostdeutschlands auf diesem technologischen Zukunftsfeld in einem Netzwerk bündeln und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Umweltunternehmen steigern.

 

Der wirtschaftliche Aufholprozess im Osten war ohnehin die größte Herausforderungen der Wiedervereinigung: Es zeigte sich schnell, dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen in den neuen Ländern noch weit schlechter lagen, als die Experten angenommen hatten. Viele der ehemaligen DDR-Betriebe konnten nicht konkurrenzfähig produzieren, hatten veraltete Anlagen – zahlreiche Firmen mussten schließen, die Arbeitslosigkeit stieg. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Ostdeutschland hat sich von 1992 bis heute in etwa verdoppelt, dennoch ist das BIP je Einwohner in den neuen Ländern gut 30 Prozent geringer als in den alten, konstatiert der Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2014. Nach der Wiedervereinigung entstand in den neuen Ländern eine Wirtschaftsstruktur, die sehr stark von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt ist. Darin wird ein wesentlicher Faktor für die geringere Leistungsfähigkeit gesehen. In den letzten Jahren setzte jedoch eine Re-Industrialisierung ein – neben der Umwelttechnologie etwa in der Chemieindustrie und im Maschinenbau, der Medizintechnik und in den optischen Technologien. Dadurch ist auch die Arbeitslosigkeit gesunken – sie liegt aber noch immer höher als im Wes­ten. Einigen ehemaligen „Volkseigenen Betrieben“ (VEB) gelang der Strukturwandel indes: So stattet Jena-Optronik – hervorgegangen aus dem VEB Carl Zeiss Jena heute Raumfahrtmissionen mit optischen Systemen aus. Auch Eisenhüttenstadt war schon in der DDR für seine Stahlproduktion bekannt. Das frühere Kombinat gehört heute zur ArcelorMittal-Gruppe und ist ein modernes Hightech-Hüttenwerk. Wichtige Wirtschaftszentren im Osten sind Leipzig und Dresden, Städte, die an ihre Tradition als Industrie- oder Messemetropolen anknüpfen konnten. Der demografische Wandel und die Landflucht stellen viele ostdeutsche Kommunen vor Herausforderungen – die Abwanderung aus strukturschwachen Regionen ist seit 1990 hoch. Heute zieht es jedoch viele nicht in den Westen, sondern in die Großstädte im Osten. Der Trend zum Leben in der Stadt gilt indes genauso für den Wes­ten.

 

Eine wichtige Rolle auch für die wirtschaftliche Zukunft der neuen Länder spielt eine moderne Wissenschaftsinfrastruktur: 24 staatliche Universitäten, 53 Fachhochschulen und rund 200 außeruniversitäre öffentliche Forschungseinrichtungen zählt der Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit – ein dichtes Netz von Bildungs- und Forschungseinrichtungen. Gerade für die vielen mittelständischen Unternehmen, die sich keine eigenen Forschungsabteilungen leisten können, hat die Zusammenarbeit mit den Hochschulen und Forschungsinstituten großen Wert. Heute ist es nicht nur für junge Deutsche, egal ob aus Ost oder West, sondern auch für internationale „Wissensarbeiter“ ganz alltäglich, an einer renommierten Hochschule oder einem der Forschungsinstitute in den neuen Ländern zu arbeiten.

 

„Für die Nachwende-Generation ist die Deutsche Einheit schon fast etwas Selbstverständliches. Junge Ostdeutsche sehen sich in erster Linie als Deutsche und nicht als Ostdeutsche“, sagt Meinungsforscherin Köcher. Viel hat sich verändert in 25 Jahren. Das Deutschland von 1990 ist nicht dasselbe wie heute. Auch Migration und Integration haben die Bundesrepublik vielfältiger gemacht, als sie je war, weltoffener. 16,5 Millionen Menschen mit Migrations­hintergrund leben heute in Deutschland – das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 20,5 Prozent. Deutschland ist inzwischen nach den USA das beliebteste Zuwanderungsziel der OECD-Länder. Das Parteienspektrum erweiterte sich um „Die Linke“, die zum Teil aus der Nachfolgepartei der SED der DDR hervorging. Doch längst ist sie nicht nur in den Landesparlamenten der neuen, sondern auch in vier alten Bundesländern vertreten. Niemand erkennt heute mehr, wo der Osten anfängt, wo der Wes­ten aufhört. Aber das heißt nicht, die Zeit der Teilung oder die Opfer der kommunistischen Diktatur seien vergessen. Die Erinnerung ist wach. Nicht nur in Gedenkstätten und Museen. Nicht nur zu den runden Jahrestagen. Aber dann ganz besonders. ▪


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25 Jahre Einheit

Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor